Mittwoch | Januar 02, 2008

Eine Stadt

Es war ein Tag wie jeder anderer. Trüb, kalt. Die Sonne schimmerte von Zeit zu Zeit, wenn auch nur schwach, durch die dicken, von bläulich grauer Farbe gefärbten Schleierwolken.
Auf der Strasse waren Menschen, Verkehr - die Leute gingen halt Ihren Pflichten nach. Ununterbrochen hörte man die Schritte der Massen, der Flugzeug-artige Verkehr auf den Strassen und Stimmen einzelner Personen, welche in Unterhaltung mit ihren liebsten, Verwandten oder den Arbeitskollegen waren. Es herrschte aber auch ein Verkehr auf dem Bürgersteig, welcher, besinnte man sich ein wenig, an diesem Dienstagvormittag von dem der Strasse sich nicht sonderlich zu unterscheiden schien.

Wohlgekleidet, offen und einem Lächeln auf dem Gesicht konnte man doch annehmen, wenigstens eine Person würde den Augenkontakt mit mir aufnehmen. Irrtum. Und immer mehr wurde dies mir bewusst. Unter den Leuten, mitten in der Masse konnte man eine Anonymität wahrnehmen, die so intensiv war, dass mein Herz sich für kurze Zeit ganz verloren vorkam. Ich konnte demnach auf der Stelle hinfallen und sterben und niemand hätte es gekümmert, ausser den gutmütigen Seelen, welche jedoch nur selten anzutreffen waren. «Wenn in einem Sterbebett, wo mich niemand sieht, wieso dann nicht hier?», dachte ich im Spass. Und dennoch bekam die Bedeutung einen grossen Ernst. 'Nun ist aber genug!' sagte ich mir und setzte alles daran diesen Gedankenzug verschwinden zu lassen.
«Ich bin doch, wie ich hier gehe, wegen etwas ganz anderem gekommen». Nach ein paar Schritten Richtung Bahnhof, fasste mein Blick die Gestalt einer jüngeren Frau Mitte Zwanzig, welche an einer der hinteren Eingangstüren zur Küche eines weniger 4-Sternen Hotels stand und mit einem Zeitungsartikel voll und ganz beschäftigt zu sein schiente.

Die Schuhe dieser Frau wirkten auf mich wie eine dunkle Macht. Unmittelbar danach fasste ich den vorhin verdrängten Gedanken wieder auf. «Ich könnte ja», so überlag ich, «diesen Schuhen und zugleich der Frau, die meine eigentliche Geste hoffentlich nicht missverstehen würde, die letzte Ehre, meine letzte Ehre, erweisen. Somit könnte ich meinen Dienerschaftsdrange stillen und zugleich den sexuellen Trieb abdecken». Bei der Vorstellung wurde ich der Melancholie entledigt und warm wurde es um meinem Herze. 'Ach! Wie gerne würde ich doch diese Schuhe, die Spitze, den hohen, so dünn wie ein Schreibstift, länglichen Absatz küssen um anschliessend in Frieden sterben zu können!' dachte ich mir, insgeheim, im hintersten Ecken der Gedanken larviert und um den Verrat des Mundes verängstigt, irgendwas könne an die Ohren, nicht die Augen sondern den Ohren dieser Leute gelangen, womit alle Blicke dann auf mich gerichtet wären.

Ich kann es mir mit Gefühl, Logik und zur Erschöpfung angestrengtem Beobachtens nicht erklären, weshalb man sich um ein solches Aussehen bemüht, wenn einem doch niemand anblicke und zu guter letzt möglicherweise auch noch des perversen, schmuddeligen und abstossenden Widerlings beschuldigt wird, wenn jene Aufmerksamkeit geboten wird, welche als geheimer Wunsch tief im Inneren der Frau verborgen ist. Im übrigen hätte die Kleidung ebenfalls längst ihren Zweck erfüllt - Aufmerksamkeit, die beim Anziehen der Kleider erhofft wurde.

Ich ging also auf sie zu. Als ich ihr einen guten Morgen wünschte, blickte sie, wie aus tiefstem Schlaf aufgeschreckt und erstarrt zu mir hinauf. Mit einer leisen Stimme teilte ich ihr meine Geschichte mit. Erstens schien sie die Worte nicht richtig verstanden zu haben, setze ihren Kopf näher um den Satz beim zweiten Mal besser verstehen zu können. Und plötzlich als hätten sich die genauen Worte im Kopfe wiederholt, sprang sie zurück als wäre sie eben in etwas verdorbenes getreten und suchte blind mit Händen um den Halt einer Mauer hinter ihr. Sie wendete ihren Kopf von mir ab als wolle sie gleich in Tränen ausbrechen. Als könne sie dem unabwendbaren Schicksal, das ihr bevorstand nicht entkommen, fasste sie sich wieder und blickte mir tief in die Augen. Ein Blick so tief wie nicht mal der erste Augenkontakt mit der Mutter nach Geburt des Kindes oder der einer Frau, welche unsterblich in ihren Mann verliebt ist, gewesen sein kann.

Eine plötzliche Welle der Stille trat ein. Die Menschen um uns waren noch immer da, schauten jedoch nicht nach dem Geschehnis, selbst wenn man dies im  Moment vermuten durfte. Die Frau senkte schließlich ihren Blick. Sie gewährte mir den Kuss.
Zufälligerweise kamen jene Schuhe vorher in Berührung mit dem schmutzigen Wasser der Küche. Der Diener des Hotels, vor welchem wir standen goss einen Eimer schmutzigstes Wasser auf den Bordstein welches von dort in den Abfluss floss. Es war unvermeidlich, dass ein paar Tropfen auf dem zarten Leder der Schuhe ihren Platz einnahmen. Noch während des Kusses bemerkte ich. Doch es war zu spät. Ich drehte mich, den Rücken dem Boden zugewandt. Mein Herz, es schlug immer langsamer. In diesem Augenblick verzogen sich die Wolken und ein himmlisches Orchester offenbarte sich am Horizont, wie man es aus Urlaubstagen auf exotischem Boden in Erinnerung hat.
Posted by djerome at 21:53:04 | Permanent Link | Comments (0) |